Das tödliche Erbe

Versenkte Fliegerbombe
Versenkte Fliegerbombe

Fast auf den Tag genau 60 Jahre nach Kriegsende war der niederländische Fischkutter OD1 auf einer Fangreise in der Nordsee unterwegs. Es war am Abend des 6. April 2005, die See war ruhig, das Netz prall gefüllt. Beim Hieven an Bord passierte das, wovor jeder Fischer bis heute Angst hat. Eine aufgefischte Fliegerbombe fiel auf das Deck und detonierte. Durch die Wucht der Explosion wurden drei Männer getötet.

Eine Fliegerbombe im Fischernetz?

Immer wieder kommt es zu solchen Vorfällen. Auch Strandbesucher finden immer häufiger Munition und Munitionsreste an Nord- und Ostsee – oftmals mit gravierenden Folgen für Leib und Leben. Im Gegensatz zu munitionsbelasteten Flächen an Land, die sofort weiträumig abgesperrt und schnellstmöglich saniert werden, fühlt sich für Rüstungsaltlasten im Meer niemand in letzter Konsequenz verantwortlich.

Das tödliche Erbe

Allein während der beiden Weltkriege gelangten durch direkte Kriegshandlungen hunderttausende Munitionskörper (vor allem Seeminen und Fliegerbomben) ins Meer. Viele von ihnen detonierten nicht und warten bis heute auf ihren „Einsatz“.

Kaum waren die Kriege vorbei, stellte sich den Siegern die wichtige Frage: Wohin mit der ganzen nicht mehr benötigten Munition? Speziell in Deutschland lagerten riesige Mengen Granaten, Bomben, Minen und Patronen. Schnell war daher der Entschluss gefasst, die gewaltigen Munitionsberge kostengünstig und rasch zu entsorgen. Schon nach dem ersten Weltkrieg wurden ganze Schiffsladungen in Nord- und Ostsee versenkt. Ein Konzept, das erst recht auch nach dem zweiten Weltkrieg sofort wieder umgesetzt wurde, da die Verklappung auf See als effizient und sicherheitstech­nisch unproblematisch galt. Fragen des Meeresschutzes stellten sich damals noch nicht, trotz der größtenteils hochgiftigen Chemikalien in der Munition (Sprengstoffe, Schwermetalle, weißer Phosphor, teilweise auch Giftgas). Und nicht zu vergessen, Munition wurde hergestellt, um durch Detonation zu töten. Auch Jahrzehnte nach Kriegsende kann sie das immer noch, wie diverse schreckliche Vorfälle in der Fischerei, Schifffahrt und bei Strandbesuchern belegen.

Obwohl entlang der gesamten deutschen Küste of­fizielle Versenkungsgebiete ausgewiesen worden waren, wurde etwa die Hälfte der Munition schon während der Fahrt über Bord entsorgt. Der Schwerpunkt der Versenkungen lag im Wattenmeer und in den direkt vorgelagerten Bereichen. Genaue Aufzeichnungen sind nicht vorhanden. Jedoch haben Abschätzungen ergeben, dass an der deutschen Nordseeküste mindestens noch 1,3 Millionen Tonnen Munition auf eine Sanierung warten, an der deutschen Ostseeküste sind es mindestens noch 300.000 Tonnen Munition. Größtenteils handelt es sich dabei um so genannte konventionelle Kampfmittel, also normale Spreng- und Brandmunition. Immer wieder wird aber auch ,Giftgas‘-Munition entdeckt, obwohl das die deutschen Behörden lange Zeit ausdrücklich als ausgeschlossen gehalten haben. Giftgas wäre angeblich nur außerhalb des deutschen Hoheitsgebietes in enormen Mengen versenkt worden.

Munitionsaltlasten im Meer sind ein globales Problem. Bis heute ist das gesamte Ausmaß der Munitionsversenkungen jedoch nicht bekannt. Klar ist aber, dass es sich insgesamt um mehrere Millionen Tonnen gefährlicher Kampfmittel handelt, die in allen Weltmeeren größtenteils in direkter Küstennähe lagern.

Was tun die Behörden?

Bislang wenig. Weiterhin gilt die Devise – liegen lassen!

Nur in den seltensten Fällen wird heute Munition geräumt. Auslöser ist meistens ein wirtschaftliches Interesse an der Nutzung des Meeresbodens, speziell beim Bau von Offshore-Windparks oder Pipelines. Bei Zufallsfunden in Fahrrinnen oder an Stränden wird (nur) aus Verkehrssicherungspflicht gehandelt – eine umfassende aktive Suche findet jedoch nicht statt.

Muss ein Munitionskörper beseitigt werden, wird oftmals entschieden, ihn nicht zu bergen und teuer an Land zu entsorgen sondern ihn Vorort durch eine Vernichtungssprengung zu zerstören. Ein altes Konzept, das schon während und kurz nach den Kriegen vor allem bei der Minenräumung in Nord- und Ostsee tausendfach Anwendung fand. Damals bis heute gilt die Sprengung aus Sicht der Amtsstuben als beste Lösung. Ökologische Aspekte wurden und werden bis heute größtenteils einfach verdrängt, obwohl schon aus Zeiten der Dynamitfischerei bekannt sein dürfte, dass jede größere Unterwasserdetonation enorme Schäden in Natur und Umwelt verursacht. Und je größer die Sprengladung ist, desto größer ist der Radius, in dem Tod und Verderben vor allem bei Meeressäugern, tauchenden Seevögeln und Fischen Wirkung entfalten.

Rüstungsaltlasten bedrohen die streng geschützten Schweinswale in Nord- und Ostsee
Rüstungsaltlasten bedrohen die streng geschützten Schweinswale in Nord- und Ostsee

Das Ausmaß der Bedrohung wird real, wenn Verbreitungsdaten des Schweinswals mit denen jener Gebiete zusammengeführt werden, die historisch und aktuell besonders stark mit Kampfmitteln belastet sind. Dort, wo Munition seit fast 100 Jahren verstärkt unabsichtlich detoniert oder absichtlich gesprengt wird, ziehen besonders viele Schweinswale durch das Meer oder es kommt – wie im Fall der deutschen Ostseeküste – eine besonders stark bedrohte Subpopulation vor. Erhebliche Kollateralschäden unter den Schweinswalen sind unausweichlich, außer man erkennt das Problem und sucht nach Lösungen.

Stefan Nehring

Zum Nachlesen und vieles mehr…

⇒ Gefahr aus der Tiefe (WATERKANT | Sonderdruck PDF | Heft 4 – 2006)

⇒ Munitionsunfälle – und kein Ende… (WATERKANT | Sonderdruck PDF | Heft 4 – 2015)

⇒ Die Qual der Wale (WATERKANT | Sonderdruck PDF | Heft 2 – 2012)